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 Betreff des Beitrags: Tagebuch eines Reisenden
BeitragVerfasst: So 14. Feb 2021, 09:05 
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Tourist

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Woher weißt du, wer du wirklich bist, wenn du in Babylon lebst?

Das »Tagebuch eines Reisenden« erzählt die Geschichte eines entwurzelten Mannes, seiner Liebe zur Natur und zu psychedelischen Substanzen. Sein Name ist August und er begibt sich auf eine Reise, um herauszufinden, wer er wirklich ist. Auf der Suche nach sich selbst sammelt er sieben Lektionen. Manchmal über das Wetter und manchmal über den großen Geist. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist sein größter Lehrmeister.

Eine wahre Geschichte von Psytrance und psychedelischen Drogen, von nackten Hippies und der Rainbow Family, von uralten Wäldern und schwefeligen Quellen, von indischen Trickbetrügern und einem traumatisierten Mann, der nach Erleuchtung strebte: eine Geschichte des Aussteigens und des Scheiterns.

--- --- --- ---

»Passport!« Die bleierne Stimme des Grenzbeamten hallte durch den schmalen Gang des Busses und ließ sein Trommelfell vibrieren. Die Luft stand still und die Sonne knallte auf das glühende Blechdach. »Passport! Passport!« Die Worte klangen wie Pistolenschüsse in seinen Ohren. Mit schweißnassen Händen musterte er den uniformierten Beamten, der jetzt direkt vor ihm stand. »Passport!« Er warf einen kurzen Blick auf das Dokument: Bundesrepublik Deutschland, August Flake.

Mit einer flüchtigen Handbewegung suggerierte ihm der Grenzbeamte mitzukommen. Langsam erhob er sich von seinem Platz und folgte ihm durch den schmalen Gang des Busses. Als er sich durch die enge Tür nach draußen zwängte, wurden seine Augen von einem grellen Lichtstrahl getroffen. Auf das Licht folgte der knarrende Ton der rostigen Kofferraumklappe. Er griff nach dem Riemen seines Reiserucksacks und wurde von zwei uniformierten Beamten in ein betongraues Wachhäuschen geleitet.

»Empty your pockets! If you have drugs with you, you should tell me right now! Comprendes, Gringo?« Der Beamte wusste genau, dass er kein Spanier war.

»No tengo nada«, erwiderte August. Sehr viel weiter reichten seine Spanischkenntnisse nicht.

»Answer in English!«

»I do not have drugs.«

»Where are you going?«

»Bulgaria.«

»This is the Bulgarian border! Where exactly are you going?«

»I don´t know exactly.«

»What do you mean? Why don´t you know where you are going exactly?«

»Because I am a traveler and not a tourist.«

Der Unterschied zwischen einem Touristen und einem Reisenden ist der, dass der Tourist weiß, wo er am Ende des Tages ankommt. Ein Reisender lässt sich treiben und ist selbst gespannt, wo er bei Sonnenuntergang strandet. August liebte diese Freiheit. Sie begann für ihn an dem Tag, an dem er sein altes Leben kündigte und den vorbeifahrenden Autos seinen Daumen entgegenstreckte. Doch nicht in seinen kühnsten Träumen hätte er erwartet, wo ihn dieser brühheiße Sommertag hinführen würde.

Der Grenzbeamte wendete sich währenddessen seinem prall gefüllten Backpack zu. Stück für Stück nahm er die wenigen Habseligkeiten, die August immer bei sich trug, aus seinem Reiserucksack und legte sie nach einer gründlichen Kontrolle auf einen glänzenden Stahltisch: eine moosgrüne Hängematte, eine dunkelgraue Plastikplane mit gestanzten Löchern, ein lederbraunes Reisetagebuch mit einer gewachsten Kordel, einen dünnen Schlafsack, zusammengerollte Kleidung, eine Stirnlampe, einen blauen Wasserfilter, getrocknete Früchte, Darwins Entstehung der Arten im Taschenbuchformat, ein knallrotes Erste-Hilfe-Kid, Jonglierbälle, reißfeste Seile und eine nussbraune Holzkiste, in der sich geschnitzte Schachfiguren zusammen mit schwarzen Muscheln und weißen Schneckenhäuser befanden.

Die Schachfiguren waren eine bunte Mischung natürlicher Fundstücke. Am liebsten war es ihm, wenn die Natur die Figuren von ganz allein formte. Mit seinem Edelstahlmesser wollte er ihnen maximal den letzten Schliff verleihen. Aus diesem Grund lief er sehr aufmerksam und bedacht durch das Leben, was ihm nichts nutzte, denn sein Blick war auf den Erdboden gerichtet.

Der uniformierte Grenzwächter wandte sich währenddessen von seinen Habseligkeiten ab, um August mit einem bohrenden Blick zu löchern. Zwei Gegenstände aus seinem Rucksack hielt er ihm dabei direkt unter die Nase »That is forbidden! Why are you bringing a knife and pepper spray to Bulgaria?«

»I carve chess pieces. And I have pepper spray only for emergencies. Once I had wild pigs around, who tried to attack me«, erwiderte August, doch das war gelogen.

Wildschweine meiden den Kontakt zu Menschen. Das Beste, was man in freier Natur machen kann, um eine Begegnung mit Schwarzwild zu vermeiden, ist, laute Geräusche von sich zu geben. Und August schnarchte jede Nacht in seiner moosgrünen Hängematte lauthals vor sich hin.

Mit dem Pfefferspray in der Tasche fühlte er sich sicherer – Angst hatte er nur vor Menschen. Sein Erklärungsversuch mit den Wildschweinen schien das Gemüt des Grenzpolizisten allerdings zu beruhigen, sodass ihm der Beamte das Pfefferspray und das Edelstahlmesser zurückgab. Schutzlos wollte er August den Keilern wohl nicht ausgeliefert wissen.

Aber ganz so weit sind wir noch gar nicht. Um die Geschichte dieses Reisenden zu erzählen, müssen wir früher beginnen…

Alles im Universum war einst eine Singularität von unendlicher Dichte – heute ein expandierendes Mosaik kosmischer Kunst, das zu zahllosen Mustern zirkulierte. Als Homo sapiens im Zuge der Expansion des Universums das Licht der Welt erblickte, wurde sich das Leben selbst bewusst. Blitze elektrisierten die Luft und die Menschen begannen sich mit ihren Ängsten zu identifizieren. Wahrnehmungen wurden zu Überzeugungen, die zu Religionen und Kulturen wurden. Der Mensch erwarb die Fähigkeit, seinen Blick nach innen und außen zu richten und verirrte sich schnell in Dualität.

Seine Eltern brachten August in einem der reichsten Länder der Erde auf die Welt. Von Geburt an war er mit zahlreichen Privilegien ausgestattet: ein wohlbehütetes Elternhaus oder Nachbarskinder, mit denen er im Garten zeltete. Doch wovon andere Kinder träumten, war für ihn selbstverständlich.

Als kleiner Junge war August Typ Raufbold mit einem schwarz-weiß karierten Fußball unter dem Arm. Sein Herz trug er auf der Zunge, bis er in die Schule kam. Gleich in der ersten Woche wurde er von Frau Olberding an die Tafel zitiert und nach allen Regeln der Kunst zusammengefaltet. Noch heute zieht sich alles in ihm zusammen, wenn er sich daran zurückerinnert.

Die Klassenlehrerin hatte ihn früh als Zappelphilipp auserkoren, weil er sich unruhig auf seinem Sitz umher wandte und ihn auch gerne mal verließ, wenn Sitzenbleiben gefordert wurde. August war es nicht gewohnt, seinen Bewegungsdrang zu unterdrücken. Aber Frau Olberding war eine Lehrerin der alten Schule, die ihr Handwerkszeug sicher beherrschte. Es war ein erdrückendes Gefühl, vor seinen Klassenkameraden bloßgestellt zu werden, und er wäre am liebsten im Boden versunken. So lernte August still zu sitzen und bekam Angst, sich zu öffnen.

Dass er in die Schule kam, war nicht seine Idee oder die Idee seiner Eltern. Es war Teil des Systems, in das er geboren wurde. In der Schule gab es viele Aktivitäten, die er gerne machte, wie malen oder lesen, aber nicht, wenn er es musste. Auf einmal konnte er diesen Tätigkeiten nicht mehr ohne Druck und ohne Regeln nachgehen, weil sie von der Lehrerin eingefordert und bewertet wurden.

Seine Kindheit war dadurch nicht vorbei, aber die täglichen Anforderungen und Beurteilungen führten zu Ängsten und Unsicherheiten, bis er daran zweifelte, genug zu sein. Mit den Jahren gewöhnte er sich an die fortwährenden sozialen Vergleiche und fand Mittel und Wege, damit umzugehen.

August schneiderte sich für jede Situation eine passgenaue Maskerade zurecht. Nach außen wirkte er kühl, aber Jahr für Jahr kehrte er sich weiter nach innen. Hier konnte er Abenteuer erleben, während er sich auf seinem Holzstuhl den Hintern wund saß. So wurde aus einem extrovertierten Jungen ein introvertierter Mann.

In der Familie war August das schwarze Schaf. Mit 13 Jahren begann er mit seinen Freunden mehr und mehr Mist zu bauen. Sie schlichen sich nachts aus ihren Elternhäusern und unternahmen Streifzüge durch die dunkelsten Gassen der Stadt. Er fühlte sich unfassbar cool, machte sich aber bei jedem vorbeifahrenden Auto klammheimlich in die Hose.

Eines Nachts packte ihn ein Polizist am Kragen und brachte ihn zu seinen Eltern nach Hause. Mitten in der Nacht stand der pubertierende Raufbold mit zwei uniformierten Beamten an der Türschwelle seines Elternhauses. Seine Mutter war damals in Tränen ausgebrochen.

Seinen ersten Joint rauchte August mit 14 Jahren auf einer evangelischen Kirchenfreizeit. Drei Wochen später entdeckte seine Mutter ein Tütchen Gras in seinem Kinderzimmer. Augst fand nichts Schlimmes daran, konnte es aber nicht ertragen, seine Mutter weinen zu sehen. Also versprach er ihr hoch und heilig die Finger von Marihuana zu lassen. Er riss sich, so gut es eben ging, zusammen.

Nach dem Abitur sprang er Hals über Kopf ins Studentenleben. Es gab Phasen, in denen er mal mehr und mal weniger rauchte, aber stoned war er immer. Auch wenn er es selbst nicht merkte – es veränderte ihn. Er verblödete nicht, doch es gab eine Sache, die sich in all den Jahren stark ausprägte: Er kehrte sich nach innen. Nach einem Joint war er zu einhundert Prozent introvertiert.

All das führte dazu, dass August ein Leben unter einer milchigen Käseglocke lebte, die sein Innerstes vor der Außenwelt abschirmte. Dieser geistige Schutzraum hatte Vor- und Nachteile. Er liebte es, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, verirrte sich aber nur allzu gerne in ihnen. Und wenn ihm an der Supermarktkasse ein Kommilitone auf die Schulter klopfte, strömte Adrenalin durch seinen Körper. Sich aus den Untiefen der milchigen Käseglocke zu befreien, glich einem 1000-Meter-Lauf.

Nach dem Bachelor zog er von Freiburg nach Göttingen und wechselte ein zweites Mal den Wohnort, womit er sein soziales Umfeld hinter sich ließ. Mit den Studenten in seinem Masterstudium konnte er nicht viel anfangen. Stattdessen baute er sich einen Kiffer-Freundeskreis auf und frönte ein Leben in Lethargie. Das letzte Jahr an der Uni saß er stoned in den staubigen Kellerräumen der verwinkelten Bibliothek. Er wälzte die soziologischen Meisterwerke anderer, bis er schließlich seine eigene Abschlussarbeit binden ließ.

Seine große Schwester hätte nicht gegensätzlicher sein können. Sie schloss ihr Studium vor der Regelzeit mit Bestnoten ab, bewarb sich erfolgreich auf die begehrtesten Stipendien und war im Berufsleben eine Überfliegerin. Die Messlatte, die seine Schwester vorlegte, konnte er nie erreichen.

Er war Langzeitstudent und wusste nicht, warum er sich beeilen sollte. Vielmehr war er auf der Suche nach Sinn, was in Kombination mit einem Joint äußerst skurrile Züge annahm. Ein Semester glaubte er, das Piepen in seinem Ohr sei die Rückkopplung seiner ureigenen Frequenz, auf der sein Bewusstsein an sein vegetatives Nervensystem übertragen wurde. Er hielt seinen physischen Körper für eine Art Mars-Rover, der elektromagnetische Wellen sowohl sendet als auch empfängt.

Nach 14 Semestern an der Uni war August vollkommen orientierungslos und alles andere nur nicht auf das Berufsleben vorbereitet. Er hatte zwar einen vorzeigbaren Abschluss, aber keinen blassen Schimmer, was er damit anfangen sollte. Und für einen richtigen Job brauchte er Berufserfahrung.

Als ihm das klar wurde, legte er einen Schalter um, absolvierte ein Praktikum, weshalb er ein drittes Mal den Wohnort wechselte, und ergatterte an seinem vierten Wohnsitz eine halbe Stelle in einer Naturschutzakademie.

Endlich entsprach sein Lebenslauf den gesellschaftlichen Erwartungen und er bewarb sich erfolgreich auf eine Vollzeitstelle als Referent in einer sozialen Einrichtung, weshalb er ein fünftes Mal den Wohnort wechselte.

Seine Eltern waren überglücklich, aber August begann sich zu fragen, wer er eigentlich war. Auf der Jagd nach seinem Lebenslauf hatte er sich vollständig entwurzelt. Das Einzige, was ihn jetzt noch mit Mutter Erde verband, war der Bürostuhl, auf dem er saß.

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Verfasst: So 14. Feb 2021, 09:05 


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 Betreff des Beitrags: Re: Tagebuch eines Reisenden
BeitragVerfasst: Mo 15. Feb 2021, 19:11 
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Tunnelmensch
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Bei psychedelisch war ich erst Mal raus. Aber der Anfang der Leseprobe war Recht spannend. Bei Gelegenheit lese ich weiter.

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"Leben ist nicht genug." Sagte der Schmetterling.
"Sonne, Freiheit und eine kleine Blume muß man haben!"


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 Betreff des Beitrags: Re: Tagebuch eines Reisenden
BeitragVerfasst: Mi 17. Feb 2021, 23:51 
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Tunnelmensch
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Ich würde es kaufen. Weiss aber nicht wie bezahlen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Tagebuch eines Reisenden
BeitragVerfasst: Do 18. Feb 2021, 11:32 
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Tunnelmensch
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in jeder buchhandlung in bar möglich, auch jetzt mit click und collect

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Nature Doesn't Need People!
Mit dem Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit steigt die Wertschätzung der eigenen Lebenszeit.
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